
Es gibt in Deutschland kein Gebirge, das in der Vorstellung der Menschen so stark mit Mythen und Sagen verbunden ist, wie der Harz. Sicherlich sind die natürlichen Gegebenheiten dieses nördlichsten deutschen Mittelgebirge mit dafür ausschlaggebend:
Der Harz steigt ganz abrupt aus der norddeutschen Tiefebene empor und
hat demzufolge schroffe klimatische Bedingungen, die andere vergleichbare
Mittelgebirge nicht haben. Flora und Fauna sind dementsprechend. Der 1142
m hohe Brocken mit seiner ausgeprägten Baumgrenze - der „höchste
im Norden“ -
weist alpinen Charakter aus und bietet dem Besucher nur an rund 60 Tagen
im Jahr eine gute Aussicht in das weite Vorland.
Der Brocken und der Hexentanzplatz bei Thale - diese beiden Orte symbolisieren
das vielzitierte Image der besenreitenden Hexen und Teufel des Harzes. Aber
auch die anderen Harzorte fühlen sich den Mythen und Sagen ihrer Region
verpflichtet.
Als Goethe in seinem „Faust“ die Hexensagen aufgriff und damit
die Walpurgisnachtszene gestaltete, hat er dem Harz für alle Zeiten
ein Denkmal gesetzt. Der Brocken - auch als Blocksberg berühmt - und
die Gegend um Schierke und Elend sind Handlungsorte in seinem weltweit bekannten
Werk.
Seit 1990 gibt es wieder einen ungeteilten Harz, in dem fast jeder Ort
in der Nacht vom 30.April zum 1.Mai mit Hexen- und Teufelsspuk eine Walpurgisfeier
veranstaltet. Und dazu kommen unzählige Besucher, oft von weither angereist,
um sich von der bekannten Mythen- und Sagenwelt ein Bild machen zu können.
Seit dem 3.Oktober 2003 hat der Harz folgerichtig auch einen „Hexenstieg“. Es ist ein rund 100 km langer Fernwanderweg - vergleichbar mit dem Rennsteig im Thüringer Wald - der in 5 Etappen die Harzstädte Osterode im westlichen Teil mit Thale im östlichen Teil des Harzes miteinander verbindet (natürlich auch in umgekehrter Richtung von Ost nach West zu bewandern) - und dieser Wanderweg führt direkt über den sagenumwobenen Brockengipfel!
Nebenbei sei auch erwähnt, dass die Kioske im Harz als Geschenk oder Andenken charakteristischerweise überall Hexen und Teufel auszuliegen haben. Achten Sie einmal darauf.
Der Besucher des imposanten Bodetals bei Thale - des gewaltigsten Felsentales
nördlich der Alpen - erfährt von folgender Begebenheit aus der
Welt der Mythen und Sagen:
Der hässliche und gewalttätige Riese Bodo hatte ein holdes Edelfräulein,
Emma mit Namen, geraubt und wollte es zu seiner Liebe zwingen. Die holde Emma,
nach ihr ist die Holtemme benannt, widerstand seinem Drängen, denn sie
war mit dem jungen Edeling Hatebold verlobt. Ihr Verlobter aber würde
sie suchen und nicht rasten, bis er sie gefunden und befreit habe. Wie sie
vermutete hatte, geschah es. Eines Tages, als Bodo unter einem Baum schlief,
trat Hatebold aus dem Gebüsch. Schon wollte er mit seinem Schwert den
Riesen erschlagen, da hielt ihn Emma zurück, denn sie wusste, dass der
Riese eine Hornhaut hatte und für Schwerter unverwundbar war. Nun blieb
ihnen zur Flucht nur des Riesen Pferd, das er an einen Ast des Baumes gebunden
hatte. So sehr sie sich mühten, sie konnten den Knoten nicht lösen.
Da stieg Hatebold in den Sattel, nahm Emma vor sich und hieb den Strick mit
dem Schwerte durch. Von dem Schlag erwachte der Riese, sprang auf und lief
wutheulend hinter den Davonsprengenden her. Die Fliehenden wandten sich dem
Harze zu, und wenn Bodo sie auch nicht einholte, so hörten sie sein Keuchen
und Schimpfen ganz deutlich hinter sich. So ging es über Berge und Täler,
bis sie plötzlich auf dem Hexentanzplatz nicht weiterkonnten; vor ihnen
die breite Schlucht mit dem rauschenden Strom in der Tiefe, hinter sich das
Wüten des Verfolgers. Schon sahen sie ihn hohnlachend näherkommen,
da trieb Hatebold das Ross des Riesen mit verzweifelten Sporenhieben an. Das
Tier wagte den Sprung und erreichte den gegenüberliegenden Felsen. Den
Huf hatte es fußtief in die Klippe gedrückt. Das ist die Rosstrappe.
Bodo versuchte, sinnlos vor Wut, den gleichen Sprung zu tun, aber er stürzte
in den Fluss, der seitdem Bode genannt wird. in dem Wasser sitzt er als schwarzer
Hund und bewacht die Krone, die Emma bei dem gewaltigen Satz vom Haupte fiel.
Schon mancher hat versucht, sie heraufzuholen, doch es ist noch keinem gelungen.
Nachts kann man manchmal Bodo in der Schlucht heulen hören.
Heinrich Heine hat in seiner 1826 erschienenen „Harzreise“ die Prinzessin Ilse verewigt. Der Wanderer, der den Weg von Ilsenburg zum Brocken wählt, begleitet den kleinen Fluss eine ganze Zeit. Er geht auch an dem zu seiner linken Hand liegenden Ilsestein vorbei. Hier lebte einst auf einer Burg die schöne Prinzessin Ilse, die einen Prinzen aus der Nachbarschaft heiraten sollte. Auf dem Weg zu seiner Braut verirrte sich der Prinz und wurde von einer Hexe verzaubert, so dass er deren hässliche Tochter heiratete und sich an seine Braut nicht mehr erinnerte. Erst als er sich in einem Bache wusch, wirkte der Zauber nicht mehr. Er ging zu seiner richtigen Braut und heiratete sie. Die Hexen rächten sich, indem sie durch ein fürchterliches Unwetter die Burg zerstörten und diese samt ihren Gästen in die Tiefe stürzten. Seit diesem Tag heißt der kleine Fluss Ilse und der Berg, auf dem die Burg stand, Ilsestein.
Die Wälder um den Ilsestein sind auch der Handlungsort der am meisten aufgeführten deutschen Märchenoper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck. Die bösen Stiefeltern haben hier ihre beiden Kinder ausgesetzt.
Südlich des Harzes, nur durch ein fruchtbares breites Tal - die Goldene
Aue - getrennt, liegt das Kyffhäusergebirge mit dem weithin sichtbaren
Kyffhäuserdenkmal auf dem Kulpenberg. Über eine markante Strasse
ist es von Berga oder Kelbra,
aber auch im Süden von Bad
Frankenhausen aus, sehr gut erreichbar. Der Bau zu Ehren von Kaiser
Wilhelm I. wurde 1896 eingeweiht. Er steht auf der Ruine der ehemaligen
Burg Kyffhausen. Der Denkmalsturm der monumentalen Anlage ist 57 m - die
Gesamtanlage 81m hoch. Das einprägsamste
für den Betachter sind die „schlafende Barbarossafigur“ und
das „Reiterstandbild“.
Keine Region in Deutschland wurde durch die Sage so bekannt wie der Kyffhäuser.
Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1123-1190) aus dem Geschlecht der Staufern
war im fernen Italien gestorben. Es gab Zweifel an seinem Tod. Die Sage
berichtet zunächst, dass er „überall“ als „wiederkehrender
Kaiser“ oder „Pilger“ umherwandere. Dann konzentrierte
sich sein „Umherwandern“ auf den Kyffhäuser. Motiv für
die Sage war die Sehnsucht der Menschen nach einem geordneten und friedvollen
Leben. Der Gegend um den Kyffhäuser mangelte es zu dieser Zeit besonders
daran. Es wird gesagt, dass Kaiser Barbarossa in seinem unterirdischen Schloss
an einem steinernen Tisch sitzt - er hält den Kopf in der Hand und
ruht oder schläft, genau wie sein Hofstaat. Sein roter Bart ist durch
den Tisch bis auf die Erde gewachsen, und sein treuer Zwerg Alberich muss
nach einem Zublinzeln nachschauen, ob die Raben noch um den Berg fliegen.
Wenn sie noch fliegen, muss er weitere hundert Jahre schlafen. Er wird aber
bald wieder aufwachen und sein verlassenes Kaisertum neu in Besitz nehmen.
Es gibt viele Dichtungen und Gemälde über das Mittelalter, die
diese Thematik beinhalten. Das Barbarossalied von Friedrich Rückert
ist eines der populärsten dieser Art
Die schöne Tochter des letzten Burgherren von Osterode soll von einem
abgewiesenen Freier aus Rache mit Hilfe morgenländischer Kunst verzaubert
sein und noch heute als greulicher Hund in den Ruinen der Osteroder Burg
hausen. Nur einmal im Jahr darf sie, nämlich am ersten Ostertage, in
ihrer natürlichen Gestalt und Schönheit sich den Menschen zeigen.
Viele haben sie schon gesehen, mancher hat von ihr Geschenke bekommen, aber
noch keiner konnte ihr durch die eiserne Tür in den Berg folgen.
ein armer Leinenweber aus Osterode hatte nach Clausthal ein Stück Leinen
abgeliefert und gedacht, mit dem Lohn zu Hause das Osterfest zu feiern.
Da es spät geworden war, blieb er die Nacht in Clausthal, machte sich
aber in aller Herrgottsfrühe auf den Heimweg und landete im Morgengrauen
oberhalb der Freiheit an. da sah er eine schneeweiß gekleidete Jungfrau
mit einem Schlüsselbund am Gürtel nach der Söse hinuntergehen
und sich in dem klaren Bergflusse waschen. Er grüßte sie ehrerbietig,
und sie kamen in ein Gespräch. Er sah auch, dass sie eine große
Lilie an der Brust trug, und wunderte sich sehr, denn wo blühen hierzulande
zur Osterzeit schon Lilien? Auf seine verwunderte Frage führte ihn
die Jungfrau in den Hof des alten Schlosses vor eine eiserne Tür, die
er sonst noch nie bemerkt hatte. Daneben standen die blühenden Lilien.
Die Jungfrau pflückte eine und verehrte sie ihm als Geschenk. Als er
wieder aufsah, waren Jungfrau und eiserne Tür verschwunden. Ganz verwundert,
eilt er nach Haus und erzählt alles seiner Frau. Die sagt:" Das
ist die Osterjungfrau gewesen!" - Die Lilie aber ist keine gemeine
Blume, sondern aus Gold und Silber gewesen. Die hat schließlich der
Herzog bekommen, und der Leinenweber ist fürstlich belohnt worden.
Zur Erinnerung an die Lilien von Osterode sieht man im Herzoglichen Wappen
drei Lilien bis auf den heutigen Tag.
In einer Mondscheinnacht wollte ein Bergknappe namens Baumann auf dem Heimweg
vom Schacht unterwegs auf seinem Stückchen Land nach den Rüben sehen,
die er gesät hatte. Da hörte er in den Büschen an der Bode sprechen,
und als er leise herangekommen war, sah er im Wasser eine Elfe stehen, die
einen Zwerg am Ufer flehentlich bat, ihr das geraubte Gewand zurückzugeben,
das sie während des Bades abgelegt hatte. Der Zwerg aber verlangte, die
Elfe solle ihm als seine Frau in den Berg folgen, und kein wehklagen konnte
sein Herz erweichen. Der Bergmann, der alles mit anhörte, wurde vom Zorn
gepackt und rief: " Willst du wohl machen dass du in dein Loch kommst!" Erschreckt
ließ der Zwerg das Gewand fallen und lief fort.
Voll Dankbarkeit sagte die Elfe zu Baumann: "Komm mit, ich will dir den
Festsaal des Zwerges zeigen!" Sie führte ihn an eine Felsenspalte,
ließ ihn hineinsehen und verschwand. Der Bergmann sah in der Tiefe ein
Glitzern und Leuchten und meinte, eine Silberader gefunden zu haben. Er erweiterte
mit seinem Gezäh den Spalt und kroch hinein. Da kam er in eine weite Höhle,
deren Wände und Decke im Lichte seiner Grubenlampe von seltsamen Tropfsteingebilden
glitzerten. Nach den Seiten führten sich verzweigende Gänge tiefer
hinein, denen Baumann neugierig folgte. Er war schon weit vorgedrungen, da
sah er plötzlich den Zwerg neben sich, der ihm mit hässlichem Lachen
die Lampe aus der Hand schlug, so dass er im Finstern stand. Dann hagelte es
von allen Seiten auf ihn ein. Der Zwerg warf mit Steinen. vergeblich suchte
Baumann den Ausgang zu gewinnen, er verirrte sich immer mehr in den dunklen
Gängen. der Zwerg ließ ihn endlich allein, indem er höhnisch
sagte: "So, nun wirst du keinen Zwerg wieder erschrecken!" Drei tage
musste Baumann unter der Erde bleiben, da erst sah er einen hellen Schein.
es war die Elfe, die ihm vom Eingang her ein Licht entgegenhielt.
Zerschlagen und müde kam Baumann nach Hause und starb nach wenigen Tagen.
Die entdeckte Höhle wurde ihm zu Ehren "Baumannshöhle" genannt,
und der Ort erhielt nach seinem Rübenfelde den Namen "Rübeland".
Wie man weiß und erzählt, kamen als gute Kenner der Erze und geübte Bergbauer vom Süden weit her viel Venezianer, oder Venediger, wie man sagte, nach dem Harz. Wo auch Bergleute wohnen, leben viele seltsame und anmutige Geschichten, die von solcherlei Leuten künden. Gar oft haben sie auch durch ihre Überlegenheit dem gutartigen, leichtgläubigen Harzer manchen Streich gespielt und nicht selten erzählt man, mit wie reichen Schätzen beladen die Venediger den Harz wieder verlassen haben. Ein Schlosser, der einmal am Brocken spazierte, begegnete zwei solchen Fremden, die ihn verhöhnten, wie er und seine Landsleute von den Schätzen ihrer Heimat wüssten. Sie fragten ihn auch, ob er nicht nach Venedig wandern wolle. Sie schickten ihn, Schnaps zu holen, den sie zu dritt alsdann getrunken haben. Beim Erwachen waren sie schon in Venedig. Unserem Harzer Schlosser aber gefiel es bald nicht mehr im fremden Land und er zog nach Norden und gelangte nach abermals vielen Jahren müde und arm, aber doch erlöst und glücklich in sein Heimatdorf Schierke. Hier findet er im Wirtshaus eine laute, frohe Gesellschaft, zu der er sich niedersetzt. Kaum daß solches jedoch geschehen, fällt eine Erinnerung in sein Gedächtnis: er springt verstört vom Schemel auf und murmelt Unverständliches von einer Viertelstunde, die noch bleibt zum Sterben, wenn keine Rettung möglich. Er verlangt hastig ein luftdicht abzuschließendes Fass, kriecht hinein und lässt es zunageln. Kaum, daß es geschah, pfeift eine Kugel hinein in die Stube, die um das Fass herumjagt, bis sie sich müde gelaufen. Da kriecht der Schlosser eilends heraus, lädt die Kugel in des Wirts Gewehr, schießt sie wieder nach Venedig zurück und fragt: "Du sollst mich nicht töten, du bist schon selbst in einer Viertelstunde tot." Es muss wohl eine Teufelei im Spiele gewesen sein, in das er sich seiner Zeit hat mit den Fremden eingelassen. Ein Grempel für manchen, der doch sollte die Heimat wieder suchen geh'n, deren Schätze verteufelte Fremde hinweg schleppen. Auch der gutartige, leichtgläubige Tor, der also zur Besinnung kommt, wird die böse Freikugel dann leicht auf den Schützen zurücksenden können.
Mit großer Sorge sah der Teufel vom Blocksberg (Brocken) aus, wie in seinem Reiche Kirchen und Klöster errichtet wurden. Da er befürchtete, hierdurch würde seine Macht gebrochen werden und die heidnischen Opferstätten veröden, beschloss er, eine riesige Mauer um den Harz zu bauen. Sein teuflisches Werk konnte jedoch nur im Schutz der Nacht gelingen und musste bis zum ersten Hahnenschrei vollendet sein. Schon früh auf den Beinen zum Markt nach Quedlinburg war eine Bäuerin mit ihren Waren und einem Hahn im Korbe auf dem Rücken. Sie war verwundert, als sie auf ihrem gewohnten Wege die gewaltige Mauer erblickte, erschrak und stürzte, als sie den Teufel sah. Ebenso erschrocken war der Hahn im Korb und krähte so laut er konnte. Der Teufel hörte den Hahnenschrei, glaubte deshalb, dass die Nacht zu Ende sei und zerstörte vor Wut die Mauer. Deshalb entstand ihre ungewöhnliche Form.